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Die 50er Jahre

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Quelle: Waldarbeitsschule Kunsterspring


Die 50er Jahre - Der schwere Anfang


Kunsterspring liegt idyllisch am Tor zur Ruppiner Schweiz, die mit ihrem ausgedehnten Wald- und Wassergebiet bis an die Mecklenburger Seenplatte heranreicht. Der große zusammenhängende Waldkomplex war sicherlich der Grund, warum der im Februar 1952 gegründete Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb (StFB) Neuruppin die Ausbildung seines Nachwuchses hier ansiedelte.
Der StFB entstand aus den ehemaligen Forstämtern Alt Ruppin, Neuglienicke, Neuruppin und Rüthnick und umfasste eine Fläche von ca. 24 000 ha Volkswald.

Einfachste Wohnbedingungen dieser Zeit

Am 15. September 1951 begannen in Kunsterspring 36 junge Leute eine Lehre zum Waldfacharbeiter. Bis dahin erfolgte die Einzelausbildung beim Förster.  Die Ausbildung wurde nun zentralisiert, die Bedingungen dafür waren aber längst nicht vorhanden. Es gab nur das Schilfhaus und das Haus an der Kunster.
Die ersten Mädchen wurden im Schilfhaus untergebracht. Im Zimmer stand nur ein Radio – aber kein Bett, kein Tisch und kein Schrank. Vom Bauern bekamen sie eine Fuhre Stroh und breiteten es als Nachtlager aus. Später gab es Strohsäcke und Möbel, die zum Teil selbst gebaut wurden.

Das erste Gebäude der Ausbildungsstätte war das 1935 erbaute Schilfhaus
Das erste Gebäude der Ausbildungsstätte
war das 1935 erbaute Schilfhaus
Foto: Archiv WAS Kunsterspring

 

Erzählt wird:

Die Jungen wurden im Haus an der Kunster untergebracht und die Veranda diente als Speiseraum. Das Mittagessen kochte man im gegenüberliegenden Schuppen- und Stallgebäude. 1952 hatte dieses Haus an der Kunster zunächst noch ein flaches Dach. Durch den Ausbau mit einem Spitzdach entstanden zu
sätzliche Zimmer. Einige Lehrlinge mussten vorübergehend in Neuglienicke wohnen und den zusätzlichen Fußweg von je 4 km täglich
auf sich nehmen. Nur 3 junge Leute besaßen damals ein Fahrrad. Holz hackten die Lehrlinge selbst und sie übernahmen auch das Heizen ihrer Öfen.
Als einzige Waschgelegenheit bot sich die Kunster an. Dort gab es 2 Waschbänke für die Jungen und 2 Waschschüsseln aus Blech für die Mädchen.

Das Haus an der Kunster ? heute das Tierparkhaus Foto: Schwämlein (1953/54)
Das Haus an der Kunster – heute das Tierparkhaus Foto: Schwämlein (1953/54)

Die Ausbildung in den ersten Jahren

Der Weg in die umliegenden Reviere musste zu Fuß zurückgelegt und das Werkzeug getragen werden.
Die Arbeitswoche hatte sechs Tage. Der Sonnabend war der Werkzeugpflege vorbehalten. Da kein Klassenraum zur Verfügung stand, unterrichteten sie im Gastraum der Gaststätte Giehm in Steinberge.


Für 1957 sind insgesamt 814 Stunden für forstliche Arbeiten, beim Bau des Schuppens und im Gewächshaus nachweisbar. Außerdem arbeiteten die Lehrlinge 710 Stunden beim Schlagen und Aufarbeiten von Holz für einen Rinderoffenstall der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Mangelshorst. In Sonneberg/Thüringen beseitigten sie Windwurfschäden und in Senftenberg räumten sie Flächen zur Braunkohlegewinnung für die „Schwarze Pumpe".
Die besten Jugendlichen des Lehrlingswohnheims Kunsterspring durften beim Meliorationsprogramm „Milchader" in Protzen und Manker helfen, Gräben auszuheben, Koppeln und Wege zu errichten. Der damalige Bezirk Potsdam wurde zur Milchader für Berlin.
1954 drehte die Filmstelle Neuruppin einen Film über die Ausbildung zum Forstfacharbeiter. Dieser Beruf sollte möglichst vielen Schulabgängern vorgestellt werden. Im gleichen Jahr befanden sich 74 Lehrlinge in der Ausbildung.
In dieser Zeit entstand eine kleine Werkstatt, die noch heute zu Ausbildungszwecken genutzt wird.

Das Haupthaus wurde errichtet

Die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen in Kunsterspring bewirkten, dass 1952 mit dem Bau des Haupthauses  begonnen wurde. Dafür mussten gewaltige Erdmassen vom Hang abgetragen werden. Eine Schienenanlage verlief von oben bis an die Straße, die nach Neuruppin führt. Tagsüber schippten die Lehrlinge die Loren voll Sand. Damit die Fahrt nach unten nicht zu schnell ging, mussten „starke Bremser" mitfahren. Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung des Forstbetriebes packten mit an, auch an den Wochenenden und vor allem unentgeltlich.
Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, der Speiseraum, ein kleiner Aufenthaltsraum für das Personal, ein großer Klubraum mit Ziehharmonikatür und die Toiletten.
Im Speiseraum hingen 3 Wandbilder, die Waldarbeiter bei verschiedenen Tätigkeiten darstellen. Im Obergeschoss wohnten die Mädchen und Kolleginnen. Im Keller befanden sich eine Heizanlage mit Kohlenlager, eine Waschküche mit Wasserkessel und Waschräume für Jungen und Mädchen.
Nun konnte auch der „Lehrling vom Dienst" (LvD) aus dem Schilfhaus ins Haupthaus ziehen. Er bekam im Toilettenvorraum einen winzigen und dazu manchmal unangenehmen Platz, um dort das Dienst- und Ausgangsbuch zu führen.
Schon bald bemerkte man, dass das Haupthaus nicht ausreichte.
Unterrichtet wurde im neuen Speisesaal, dem heutigen Jagdzimmer
Störungen vom Flur und durch das Telefon blieben nicht aus. Also wurde Unterricht auch ins ehemalige Wohnhaus und in die untere Etage des Hauses an der Kunster verlegt.

Ende 1953 konnte das Haupthaus bezogen werden Foto: Archiv WAS Kunsterspring
Ende 1953 konnte das Haupthaus bezogen
werden Foto: Archiv WAS Kunsterspring

Alltag im Lehrlingswohnheim von Kunsterspring

Ein streng geregelter Tagesrhythmus blieb wohl den meisten Lehrlingen in nicht so guter Erinnerung ...
- 6.00 Uhr Wecken
- 6.30 Uhr Frühstück 6.55 Uhr Morgenappell 7.00 Uhr Arbeitsbeginn
- 16.00 Uhr Arbeitsende und Mittagessen
- 18.30 Uhr Abendessen 22.00 Uhr Bettruhe.
Beim Fahnenappell wurden u. a. Vorkommnisse des vergangenen Tages oder der Nacht ausgewertet und eventuelle „Erziehungsmaßnahmen" verkündet. Aufgaben für die praktische Ausbildung teilte der Leiter ein. Geputzte Arbeitsstiefel oder -schuhe waren einfach ein „Muss". Zu Veranstaltungen und den Mahlzeiten wurde geläutet, das hieß, der LvD schlug mit einem Stab oder Stein gegen die „Glocke", die eine Bombenhülse war. Der metallene Klang war bis nach Boltenmühle zu hören.
Alle 3 Wochen mussten die Lehrlinge nach Hause fahren. Der Weg zum Bahnhof oder zum Arzt wurde zu Fuß bewältigt. Die Straße war eher ein Weg, Busverbindungen gab es nicht.
Von den Küchenabfällen und anderen Naturalien konnte der Hausmeister ein Schwein füttern. Im Winter wurde es geschlachtet und sorgte für Abwechslung auf dem Speisezettel. Das Lehrlingswohnheim Kunsterspring bot gute Bedingungen für den Austausch von Jugendlichen aus anderen Ausbildungsstätten. Ebenso diente es als Kinderferienlager.

Vielfältige Freizeit

Seit 1953 konnten die Jugendlichen in Kunsterspring beispielsweise ihr technisches Wissen an 6 Kleinkaliberwaffen und 3 Motorrädern in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) erweitern. Die GST-Arbeit wurde Ende der 50er Jahre um eine kleine Segelfluggruppe, die nach Stölln in die Rhinower Berge zum Üben fuhr, bereichert.
Einen großen Teil ihrer Freizeit verbrachten die jungen Leute mit dem Üben in der Volkstanzgruppe, im Chor und in der Mandolinengruppe.
Oftmals rief man sie zu Auftritten bei der Forstverwaltung oder zu Feierlichkeiten in den Dörfern. Die Fahrten dorthin waren abenteuerlich und erfolgten mit einem LKW oder per Traktor mit Anhänger.
Einige Lehrlinge begannen mit dem Jagdhornblasen und ein Jagdzirkel entstand.
Zur eigenen Versorgung mit Gemüse wurde das kleine Gewächshaus von Lindow nach Kunsterspring umgesetzt. Die Lehrlinge übernahmen in ihrer Freizeit die Pflege der Pflanzen.
Für die damalige Zeit gab es doch ein reichhaltiges Angebot im Speiseplan

Geplante Verbesserungen

1959 lernten 45 Lehrlinge in Kunsterspring. Probleme gab es laut einer Hygienekontrolle 1960 mit der Bereitstellung von 2mal täglich warmem Wasser zum Waschen. Auch der so genannte „Kaffeetopp" wurde bemängelt, weil die Lehrlinge Malzkaffee mit einer Kelle daraus schöpften. Der Topf sollte durch ein Gefäß mit Hahn ersetzt werden.
Da das Haus an der Kunster an die 1955 erbaute Nutriafarm abgegeben wurde, beantragte der Lehrausbilder beim Forstbetrieb den Bau einer kleinen Unterrichtsbaracke, eventuell in Leichtbauweise, mit Klassen- und Lehrmittelraum. Ebenso sollte ein Schuppen für Arbeitsgeräte entstehen – beides mit viel Eigenleistungen von Kollegen und Lehrlingen.
Für die Verbesserung der sportlichen Betätigung musste der bereits vorhandene Sportplatz erneuert werden. Es fehlten dafür jedoch die finanziellen Mittel. In eigener Regie hatten die Kunsterspringer schon Bäume gefällt und Stubben gerodet. Darüber hinaus versuchten sie ihr Glück mit „Fortuna" und stellten einen Antrag zur Unterstützung an den VEB Sport-Toto. Das Glück muss ihnen hold gewesen sein, denn das Projekt wurde realisiert.
Ende der 50er Jahre befanden sich Abgänger der 6., 7. und 8. Klasse in der Ausbildung. Man bot diesen Lehrlingen im 2. Lehrjahr an, noch ein 3. Lehrjahr zu absolvieren, um den gestiegenen Anforderungen besonders durch neue Technik gerecht zu werden.

Eine schwierige Zeit wurde gemeistert

In den 50er Jahren standen der Aufbau und die Organisation der Ausbildung im Vordergrund. Die Schaffung entsprechender Wohn-
bedingungen und das Bemühen um eine sinnvolle Freizeitgestaltung gehörten ebenso dazu. Kennzeichnend waren die vielen ehrenamtlichen Stunden, die von den Jugendlichen und ihren Betreuern geleistet wurden, um die Umgebung zu verschönern oder neue Objekte zu schaffen.
In dieser Zeit prägten die Lehrlinge den Begriff „Kutten" als Bezeichnung für Kunsterspring. Der Ursprung dieses Wortes ließ sich nicht finden, aber noch heute sprechen alle Lehrlinge nur von „Kutten", wenn sie über ihre Ausbildungsstätte reden.
Wer seine Ausbildung mit guten Ergebnissen abschloss, konnte sich an der Arbeiter-und Bauernfakultät bewerben. Andere traten ihren Dienst in der Nationalen Volksarmee an.

Aktualisiert ( Sonntag, den 15. Mai 2011 um 08:16 Uhr )  

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