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Die 60er Jahre

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Quelle: Waldarbeitsschule Kunsterspring


Die 60er Jahre - Zeit der Beständigkeit

Der Beginn dieses Jahrzehnts war von zwei bedeutenden Ereignisse gekennzeichnet:
– Die letzten Einzelbauern mussten sich in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammenschließen.
Durch den schlechten Zustand der Straße nach Neuruppin gab es keine Busverbindung und die Fahrten dorthin blieben auf das Nötigste beschränkt.

Die Ausbildung wurde vielfältiger

In der Ausbildung konnten die Lehrlinge des 2. Lehrjahres Anfang der 60er Jahre bei der Holzabfuhr als Beifahrer arbeiten. Damals erfolgte der Transport des Holzes mit dem Traktor „Pionier" und Anhänger.
Das Ziel des Forstbetriebes, allen auslernenden Jungen die Motorsägenausbildung zu ermöglichen, konnte aus technischen Gründen nur zum Teil erfüllt werden. Zu dieser Zeit gab es im Bestand des Lehrlingswohnheims Kunsterspring Sägen vom Typ „ES 35", sowjetische „Drushba" und eine 2-Mann-Motorsäge „Faun" .
Die Arbeitsorte wurden mit dem Fahrrad aufgesucht.
Im Berufswettbewerb fanden 3 Bereiche Beachtung:
1. die praktische Ausbildung, auch Ordnung, Fleiß und Verhalten
2. die theoretische Ausbildung
3. die gesellschaftliche Arbeit, auch Mitgliedschaft und Mitarbeit in gesellschaftlichen Organisationen und gesellschaftlich-nützliche Arbeit
Der kleine Kamp im Revier Rottstiel mit 67 a war zum Jugendobjekt erklärt worden.
Die auslernenden Lehrlinge von 1964 pfropften in der neuen Baumschule Frankendorf Kiefern. Diese Samenplantage wird auch heute noch bewirtschaftet.
Um über den so genannten „Tellerrand hinaus zu sehen" unternahm das 2. Lehrjahr im Herbst 1966 eine Exkursion in die Volksrepublik Polen. Dort besuchte es die forstliche Ausbildungsstätte in Moja Wola. Höhepunkt dieser Reise war der Besuch des urwaldähnlichen Nationalparks von Bialowieza.
In der praktischen Ausbildung waren Pflanzung, Harzung und Holzeinschlag Schwerpunkte. Im Lehrjahr 1968/69 forsteten die Lehrlinge 45 ha im StFB Neuruppin und 8 ha im StFB Rostock auf . Die Harzgewinnung bekam mehr Bedeutung. Die Lehrlinge gewannen jährlich 5-6 t Harz. Die große Forstbaumschule in Frankendorf wurde zum Jugendobjekt ernannt .

Lösung des Problems „Straße"

1962 wurde ein großer Abschnitt der Straße von Neuruppin nach Gühlen-Glienicke fertiggestellt. Die so genannte Betonstraße hörte ca. 5 km vor Kunsterspring auf. Auf der noch verbliebenen Straße waren beidseitig große Löcher, die sich mit Wasser füllten. In der Mitte blieb ein Wall, auf dem die Lehrlinge einmal in der Woche mit ihren Fahrrädern nach Neuruppin zur Berufsschule fuhren. Bei Frost rutschten sie manchmal in diese Löcher und kamen dadurch zu spät zur Schule.
Das Problem „Straße" war täglich präsent. Handwerker, Taxifahrer, Lieferfahrzeuge und Ärzte lehnten es ab, diesen Weg zu benutzen. Der Kreisschulrat wandte sich an die Maschinen-Traktoren-Station (MTS) Rheinsberg mit der Bitte, doch wenigstens einmal pro Woche einen Schulbus über Kunsterspring fahren zu lassen. Daraus wurde leider nichts. Deshalb schrieb die Heimleiterin an den Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Potsdam, den Straßenbau auf den letzten 5 km voranzubringen. Es vergingen noch 2 Jahre, bis sich dieser Zustand änderte. 1965 war es endlich soweit – der verbliebene Straßenabschnitt vorbei an Kunsterspring sollte gebaut werden. Dafür schlugen die Lehrlinge eine Trasse auf dem Kunsterberg, denn die Kurve bekam einen etwas anderen Verlauf.
Eine Brücke über die Kunster, die dem zu erwartenden stärkeren Verkehr stand halten sollte, war schon fertiggestellt. Nun gab esendlich eine durchgängige Verkehrsverbindung von Neuruppin nach Gühlen-Glienicke und damit die Voraussetzung für die Einführung einer Buslinie.

Freizeitgestaltung mit neuem Charakter

Lernförderzirkel entstanden und die Kulturarbeit wurde wieder aktiver gestaltet. Sowjetische Filme und Buchlesungen bereicherten das Freizeitangebot. Lehrlinge hatten in Kunsterspring die Möglichkeit, in ihrer Freizeit an der Volkshochschule das Abitur nachzuholen. Das war jährlich nur in zwei Fächern möglich.
Neben den Jagdhornbläsern arbeitete eine Singe- und Tanzgruppe, die mit ihrem Tanz „Letkiss" weithin bekannt war .
Vom Staatlichen Orchester Potsdam gastierte eine Gruppe von Musikern – was keiner für möglich hielt – im Speiseraum, dem heutigen Jagdzimmer. Sie stellten dort ihre Instrumente vor. Obwohl der Platz so eng bemessen war, bot dieser Nachmittag ein unvergessliches Erlebnis für alle Beteiligten.

Ab Herbst 1964 kam zweimal monatlich der Landfilm ins Wohnheim. Dass der Filmprojektor laut war und im gleichen Raum stand, störte niemanden. Die meisten Filme wählten die Lehrlinge selbst aus. Natürlich musste auch mal ein erzieherisch wertvoller Film gezeigt werden.
Die Bläsergruppe übte fleißig und hatte Auftritte bei vielen Kulturveranstaltungen. Am 1. Mai durften sie vor Walter Ulbricht in Berlin blasen. Bei Staatsjagden waren die Bläser als Mitwirkende sehr gefragt .
Sie fuhren in den Sommermonaten mit ihren Fahrrädern oft zum Tornowsee und bliesen zur Freude der Urlauber ihre Signale.
Die Gruppe vertrat auf der Landwirtschaftsausstellung der DDR, der „agra", anlässlich der „Tage der Forstjugend" in Leipzig-Markkleeberg würdig die Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Waren. Ihr waren die 6 forstlichen Ausbildungsstätten Bad Doberan, Klueß, Abtshagen, Dobberthin, Lychen und Kunsterspring zugeordnet. Des Weiteren gab es in der ehemaligen DDR noch vier VVB`n .
1969 wurden die Kunsterspringer Jagdhornbläser dort DDR-Sieger.
Auch hohe Gäste besuchten das Lehrlingswohnheim Kunsterspring. So kam auf Einladung der Regierung der DDR und des StFB Neuruppin der Landwirtschaftsminister der Republik Jemen zu uns. Der Oberbürgermeister von Brazzaville im Kongo war hier ebenfalls Gast.
In zahlreichen Arbeitseinsätzen wurde Geld für die internationale Solidarität erarbeitet. Mit selbst gefertigten kunstgewerblichen Gegenständen waren die Lehrlinge bei Solidaritätsbasaren stets präsent.
Besondere Leistungen wurden auch in diesem Jahrzehnt in der GST-Arbeit und in der vormilitärischen Ausbildung vollbracht. So gelang es im Februar 1969 den Mannschaften des Lehrlingswohnheims Kunsterspring, den Titel eines Kreismeisters im Wintermarsch der GST zu erringen. Die Jungenmannschaft erkämpfte sich sogar den Sieger-Titel im Bezirk Potsdam.

Der Lehrling vom Dienst erfüllte seine Aufgaben

Im Lehrlingswohnheim Kunsterspring hatte der Lehrling vom Dienst noch immer die Aufgabe, den Beginn aller Veranstaltungen
durch das Läuten der „Glocke" anzukündigen und zu den Mahlzeiten zu rufen. Er verfügte aber auch über Rechte, die er gern ausnutzte. Schließlich war jeder mal an der Reihe.
Überliefert ist:
„Zum Essen schloss er den damaligen Speiseraum, das heutige Jagdzimmer, auf und nach seinem Kommando ‚Mahlzeit' begannen alle zu essen. Erst später, wenn er es wieder sagte, durfte man sich vom Tisch entfernen und den Raum verlassen. Tat das jemand vorher oder war laut und auffällig, musste dieser Lehrling alle Tische abräumen. Das war eine willkommene Freude für alle Nichtbetroffenen!"

Der Ursprung des heutigen Tierparks

Die Nutriafarm war 1962 aufgelöst und zu einer Entenfarm umgebaut worden. Inzwischen gab es auch sie nicht mehr. Auf ihrem Gelände pflanzten Lehrlinge im Frühjahr 1966 verschiedene Bäume und Sträucher .
Peter ... brachte einen Frischling mit aus dem Wald, weil er glaubte, der hätte seine Mutter verloren. Das war die Geburtsstunde des kleinen Heimattierparks Kunsterspring. Das Findelkind „Petra" wurde von den jungen Leuten liebevoll versorgt. Zu den Pfingstfeiertagen kam sie und später andere Frischlinge und Rehkitze in ein eingezäuntes Gehege auf dem Wäscheplatz vor dem Wohnhaus. Da die Lehrlinge zu den Feiertagen nach Hause fuhren, kümmerten sich die dort wohnenden Kollegen um die Jungtiere. Zur Vorweihnachtszeit wurde „Petra" auf das schon beschriebene kleine Lieferauto Framo geladen und zum Neuruppiner Weihnachtsmarkt gebracht. Jagdhornbläser machten mit ihren Signalen auf „Petra" aufmerksam .
Im Tierpark kamen 1968 der Rehbock „Maxi", ein Wilderpel und später der Frischling „Susi" dazu. Mit der Zahl der Tiere stieg auch die Anzahl der Besucher.

Dieser Gehölz-Garten sollte als Anschauungsobjekt für die Baumartenbestimmung dienen Foto: Archiv WAS Kunsterspring
Dieser Gehölz-Garten sollte als Anschauungsobjekt für die
Baumartenbestimmung dienen Foto: Archiv WAS Kunsterspring

Rückblick auf das Jahrzehnt

In Kunsterspring entstand ein Mehrfamilienhaus, in das vor allem Kollegen der Ausbildungsstätte einziehen konnten.
1967 bereiteten Lehrlinge den Standort für die kleine Unterrichtsbaracke vor. Ein Jahr später wurde sie fertiggestellt.
Die 60er Jahre waren gekennzeichnet von der Erhöhung des Niveaus der Ausbildung, von der Verbesserung der Wohnbedingungen und von einer einmaligen kulturellen und sportlichen Selbstbetätigung der Lehrlinge. Sie gestalteten Kulturprogramme und fuhren damit übers Land, um andere Menschen zu erfreuen. Sie besuchten auch zahlreiche Veranstaltungen in Nah und Fern.
Der Einzugsbereich der Lehrlinge begann im Norden auf der Insel Hiddensee und endete in Magdeburg oder Leipzig. Bei der 6Tage-Arbeitswoche wäre eine so weite Heimfahrt nicht möglich gewesen. Also war in unterschiedlichen Abständen von 3-6 Wochen der so genannte „Wäscheurlaub". Das ständige Zusammensein im Wohnheim ließ die Jugendlichen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. In den Jahren hatten die jungen Leute eine enge Verbundenheit zum Lehrlingswohnheim und deren Beschäftigten aufgebaut.
An Wettbewerben beteiligten sie sich meist erfolgreich. Die ersten Lehrlinge traten zum Lehrabschluss Auslandsreisen nach Polen und in die Sowjetunion an. Das Geld dafür erarbeiteten sie in ihrer Freizeit. Diese Fahrten sowie jährliche Exkursionen innerhalb der DDR wurden über zwei Jahrzehnte zur Tradition.

Aktualisiert ( Sonntag, den 15. Mai 2011 um 08:16 Uhr )  

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