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Die 70er Jahre

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Quelle: Waldarbeitsschule Kunsterspring


Die 70er Jahre - Der Ausbildungsstandort


Kunsterspring gewinnt an Bedeutung

Leben im Wohnheim
Die Zahl der Auszubildenden stieg mit Beginn der 70er Jahre von bisher ca. 20 auf 3040 jährlich an. Die Wohnbedingungen wurden unerträglich und so mussten einige Lehrlinge in der alten Schule im 5 km entfernten Frankendorf wohnen. Mit Start des Lehrjahres 1971 wurden die Jungen außerhalb des Lehrlingswohnheimes in einer Baracke des Ferienlagers in Rottstiel untergebracht. Der Volkseigene Betrieb (VEB) Puten- und Gänseproduktion Neuglienicke ließ eine große Wohnunterkunft errichten. Dafür konnten seine Lehrlinge entsprechend eines Kooperationsvertrages weiterhin im Lehrlingswohnheim Kunsterspring leben. Diese Baracke hatte sechs 5-Bett- und sieben 4-Bettzimmer. Es wohnten dort 58 Jungen .

Neu gebaute Wohnunterkunft für die Jungen Foto: J. Lehmann
Neu gebaute Wohnunterkunft für die Jungen / Foto: J. Lehmann

Wohnen ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung, denn die Baracke war sehr hellhörig und für die Aufbewahrung der Arbeitssachen stand nur ein Raum zur Verfügung. Sie war mit elektrischen Nachtspeicheröfen ausgestattet, die während der Nacht heizten und so das Schlafen sehr beeinträchtigten. Abends, wenn die Jungen von der Arbeit kamen, waren die Zimmer wieder ausgekühlt. Um warmes Wasser entbrannte ein täglicher „Kampf", denn es gab nur drei 200-Liter- Elektro- Boiler.
Ende des Jahres 1977 konnte ein neues und modernes Küchengebäude mit Speiseraum eingeweiht werden. Es bot ca. 80 Personen Platz zum Essen und wird bis heute gern für Veranstaltungen genutzt .
Mit der unterirdischen Verrieselungsanlage entstand ein für die damalige Zeit modernes Abwassersystem.
Der strenge Winter 1978/79 brachte starken Frost und viel Schnee. Die Heizanlage im Schilfhaus fiel mehrere Wochen aus und die Bewohner mussten für diese Zeit in die Baracke ziehen, in der es nun ziemlich eng wurde. Es war auch beantragt, in Kunsterspring eine Turnhalle zu bauen, aber dazu kam es leider nie.

Der Speiseraum im Winter 1978 Foto: Archiv WAS Kunsterspring
Der Speiseraum im Winter 1978 / Foto: Archiv WAS Kunsterspring

Die praktische Ausbildung

Das Lehrlingswohnheim Kunsterspring war mit wenigen Motorsägen ausgestattet – die polnischen Sägen BK 3A und Dolpina sowie die schwedische Partner R14. Dazu kam ein ATE-Freischneidegerät. Im Februar beendeten die Lehrlinge bereits nach 1 1/2 bzw. die Abgänger der 8. Klasse nach 2 1/2 Jahren ihre Ausbildung.
Durch die Arbeit der jungen Neuerer entstanden Projekte, die bei den Messen der Meister von Morgen (MMM) ausgestellt und gewürdigt wurden. Das waren zum Beispiel Modelle des Heimattierparks und der forstbotanischen Anlage sowie das Anlegen eines Lehrpfades im Naturschutzgebiet.
Ein besonderer Tag war der 2. September 1972 – das Lehrlingswohnheim Kunsterspring nannte sich ab diesem Tag „Betriebsschule". Sie unterstand nicht mehr der VVB Waren, sondern wurde dem StFB Neuruppin mit Sitz in Alt Ruppin zugeordnet .
Die Lehrlinge sollten die Fahrerlaubnis Klasse III (Traktor) und Klasse V (LKW) erwerben. Um im September 1973 mit der Fahrschule pünktliche beginnen zu können, wurden ein Fahrschullehrer eingestellt und ein LKW angeschafft. Den Weg zur Arbeit mussten die Jugendlichen aber dennoch mit dem Fahrrad oder zu Fuß bewältigen. Das Mittagessen wurde ihnen in den Wald gebracht.

Lehrlinge bauten eine Vogelvoliere Foto: Archiv WAS Kunsterspring
Lehrlinge bauten eine Vogelvoliere
Foto: Archiv WAS Kunsterspring

Arbeitsschutzhütten gab es für die großen Gruppen nicht und deshalb organisierte die Schulleitung einen ausrangierten weißen Doppelstockbus aus Berlin. Dieser hatte einen festen Stellplatz an einer Harzungsfläche im Kunsterspringer Wald. Er gab den Lehrlingen ein Dach über dem Kopf und schützte sie, besonders bei den Mahlzeiten, vor Regen und Kälte.
In der praktischen Ausbildung vollbrachten die Jugendlichen große Leistungen. Sie bewirtschafteten zum Beispiel 1975 drei Jugendobjekte – die Harzgewinnung, die Forstbaumschule und die Aufforstung von 20 ha Wald.

Von den Lehrlingen wurden in ihrer Freizeit jährlich mehrere Tonnen Schmuckreisig geworben und die Erlöse spendeten sie für die internationale Solidarität. In Arbeits- und Ernteeinsätzen verdienten sie Geld für die jährlichen Reisen in die Sowjetunion. Seit 1977 wurden die Lehrlinge mit einem LKW W 50, der auf der Ladefläche einen Aufsatz mit Bänken hatte, zur Arbeit in den Wald gefahren. Im Frühjahr 1979 hatte man die praxisbezogene Ausbildung intensiviert. Es wurde ein Jugendtechnikkomplex in Kunsterspring angesiedelt. Forstingenieure und Waldarbeiter begleiteten diese Maßnahme.

Die ersten Vietnamesen kamen nach Kunsterspring

1974 begann ein bedeutender Abschnitt in der Geschichte der Betriebsschule – die ersten 30 jungen Männer aus Vietnam kamen zur Ausbildung nach Kunsterspring.
Bei ihrer Abreise aus der Heimat wussten sie noch nicht, welche Berufausbildung sie hier absolvieren sollten. Die deutschen Lehrlinge, ihre Lehrmeister, Lehrer, Erzieher und die technischen Kräfte befanden sich in einer komplizierten Lage. Einerseits freute man sich auf die jungen Vietnamesen, andererseits gab es erhebliche Unsicherheiten beim Umgang mit ihnen. Sie hatten in ihrer Jugend alle im Krieg gegen die Amerikaner gekämpft.
In den Gesichtszügen der Vietnamesen waren neben Verbitterung und Härte auch Zuversicht auf ein besseres Leben zu erkennen. Sie mussten sich nicht nur an die anderen klimatischen Verhältnisse, sondern auch an die europäische Zivilisation gewöhnen. Es gab große Sprachbarrieren, denn sie kamen ohne Deutschkenntnisse in die DDR. Der Dolmetscher reiste erst ein paar Tage später in Kunsterspring an. Es kamen weitere junge Leute aus Vietnam zur Ausbildung:
- 1975 – 20 Personen
- 1977 – 10 Personen
- 1978 – 15 Personen
Alle Vietnamesen hatten ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, sie zeichneten sich durch Fertigkeiten und Geschick beim Umgang mit Werkzeugen aus und konnten gut sitzende Jeans auf alten Nähmaschinen nähen. 1976 beteiligten sie sich mit einem kulturellen Beitrag an den 16. Arbeiterfestspielen der DDR in Meißen. Die Goldmedaille dafür überbrachte ihnen ein Vertreter des Zentralvorstandes des Gewerkschaftsbundes FDGB.
Nach dreijähriger Ausbildungszeit reiste die erste Gruppe Vietnamesen im August 1977 in ihre Heimat zurück. Schon Monate vorher waren sie mit den Vorbereitungen beschäftigt. Nach erfolgter Freigabe durch die entsprechenden Stellen konnte Holz im Sägewerk zu Brettern aufgeschnitten werden, aus denen sie anschließend Transportkisten bauten. Fast jeder wollte natürlich ein Moped mit nach Hause nehmen. Sie hatten ja lange dafür gespart. Auch hier mussten staatliche Stellen den Kauf einer Anzahl von Fahrzeugen genehmigen. In die Kisten kamen also ein Moped und mindestens ein Fahrrad – beides sorgfältig auseinander-gebaut. über Zeitungsannoncen oder über Bekannte beschafften sie sich Nähmaschinen, möglichst alte und bewährte Marken. Die noch verbliebenen Hohlräume wurden mit Futterseidestoff, Würfelzucker, Fahrradspeichen und Luftpumpen fürs Fahrrad vollgestopft. Eine Luftpumpe bedeutete in Vietnam eine Existenzgrundlage, das Luftpumpen war dort ein Gewerbe, mit dem man überleben konnte. Das Packen dieser Kisten war eine echte Kunst, welche die vietnamesischen Männer meisterhaft beherrschten, denn es durfte ein bestimmtes Gewicht nicht überschritten werden. Die Zollverwaltung schickte Mitarbeiter nach Kunsterspring, die den Inhalt genau prüften. Erst dann wurden die Transportkisten verplombt und traten den Seeweg nach Vietnam an.

Langeweile kam fast nie auf

Für die Gestaltung der Freizeit boten sich viele Möglichkeiten an. Auch in den 70er Jahren standen auf dem Veranstaltungsplan Kino, Discos, Schriftstellerlesungen oder URANIA-Vorträge zu unterschiedlichen Themen. Die Jugendlichen wurden selbst aktiv beim Sport, in der Bläsergruppe, beim Kochen, Backen, Basteln, Skatspielen und ähnlichem.
Kulturarbeit bedeutete für die jungen Leute in Kunsterspring eine sinnvolle Freizeitbetätigung. Die Kulturgruppe erfreute viele Zuschauer mit ihren Programmen. Für die Jagdhornbläsergruppe war es eine besondere Ehre, in Berlin vor Leonid Breshnew, dem damaligen Partei- und Staatschef der UdSSR, aufzutreten. Besuche von Veranstaltungen im Kreiskulturhaus Neuruppin und in den bekannten Häusern der Hauptstadt gehörten in jenen Jahren zu den Höhepunkten.
Die GST-Grundorganisation konnte im Ausbildungsjahr 76/77 als beste Grundorganisation im Bezirk Potsdam geehrt werden. Nach Neugestaltung des Schießstandes durfte auch mit Kleinkaliber-Waffen geschossen werden. Kunsterspring war Austragungsort für die Bezirksmeisterschaft im Sportschießen.

Die Übergabe des Tierparks an die Stadt Neuruppin

Im Tierpark war der Tierbestand so angewachsen, dass er von den Lehrlingen nicht mehr in ihrer Freizeit betreut werden konnte und die Kosten für Futter stark anstiegen. Diese Einrichtung ging mit folgendem Wildbestand 1975 in die Trägerschaft der Stadt Neuruppin über:

Rotwild: 1 Hirschkalb 1 Alttier
Damwild: 2 Schaufler 1 Tier
Rehwild: 1 Bock 3 Ricken
Schwarzwild: 2 Bachen 8 Frischlinge
Muffelwild: 2 Widder  
Federwild: 1 Jagdfasan 1 Uhu
  5 Bussarde 4 Schleiereulen
Haarraubwild: 2 Marder  

Außerdem besaß der Tierpark Hängebauchschweine, Ziegen und Ziervögel.
Die DEFA drehte für den Film „Viehchereien" im Tierpark einige Szenen. So bot sich die Gelegenheit, die Schauspieler Gojko Mitic, Agnes Kraus und Günther Schubert persönlich kennen zu lernen.
Diese Jahre waren maßgeblich von der Ausbildung und Betreuung der jungen Vietnamesen geprägt. Die große Zahl von Lehrlingen forderte von den Beschäftigten viel Kraft und Verständnis.
In den 70er Jahren begannen ca. 40 Kolleginnen und Kollegen mehr oder weniger lange in Kunsterspring zu arbeiten. Die starke Fluktuation wirkte sich negativ auf die Beständigkeit der Arbeit aus.

Aktualisiert ( Sonntag, den 15. Mai 2011 um 08:17 Uhr )  

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