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Die 80er Jahre

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Quelle: Waldarbeitsschule Kunsterspring


Die 80er Jahre - Kunsterspring hat internationalen Charakter


Die Ausbildung von Ausländern wurde fortgesetzt

1980 kamen 15 junge Männer aus Kambodscha nach Kunsterspring. Damit wurde die forstliche Ausbildung ausländischer Bürger fortgesetzt. Sie hatten das Pol-Pot-Regime überlebt, aber viele ihrer Angehörigen sind umgebracht worden. Zunächst erlernten sie die deutsche Sprache. Da sie sehr interessiert und gebildet waren, fiel ihnen dies leicht.
Bei einem Freundschaftstreffen begegneten sich in Kunsterspring junge Leute aus 7 Ländern – aus Kuba, Vietnam, Kambodscha, Benin, Laos, der Sowjetunion und der DDR. Im Jahr 1982 schickten die Befreiungsorganisationen ANC und SWAPO 14 junge Afrikaner, darunter 2 Mädchen, zur forstlichen Ausbildung. Ihre Heimat war Südafrika und Namibia. In Hildburghausen hatten sie zuvor Deutsch gelernt. Durch ihre lebhafte, lustige und manchmal verspielte Art fielen sie auf. Die jüngsten waren erst 16, die ältesten 28 Jahre alt. Sie ließen sich leicht lenken und begeistern. Mit ihren Gesängen der afrikanischen Folklore verschafften sie sich immer wieder Sympathien. Sogar beim Holzeinschlag sangen sie ihre Lieder. Mehrmals fuhren sie und andere Lehrlinge in den Thüringer Wald und ins Erzgebirge zur Aufarbeitung von Schadholz.
Die Anwesenheit der ausländischen Lehrlingsgruppen bewirkte, dass regelmäßig Vertreter ihrer Botschaften, andere Gäste und Mitarbeiter der Medien in die Betriebsschule kamen. Im Rahmen der internationalen Solidarität erwirtschafteten Lehrlinge und Kollegen in der Freizeit Gelder, die sie den verschiedensten Aktionen zur Verfügung stellten, wie zum Beispiel der Rundfunksendung „Dem Frieden die Freiheit", dem „Blumenbasar" und der „Osterwiese" in Neuruppin. Auch die Ausbildung der Jugendlichen aus anderen Ländern war eine Form, sich solidarisch zu zeigen.
Die Lehrlinge aus Laos hatten zuvor in Weimar ein halbes Jahr die deutsche Sprache erlernt. Einige Kollegen und Außenstehende blickten skeptisch auf die verhältnismäßig kleinen Mädchen, die sich nun der körperlich schweren Arbeit stellten. Sie bewiesen bei allen Aufgaben Geschicklichkeit und Ausdauer. Die laotische Gruppe trug Kulturprogramme gekonnt vor und blieb so dem Publikum in guter Erinnerung.
Überraschungen erlebten wir mit ihnen auch, als sie zum ersten Mal in Kunsterspring das laotische Neujahrsfest Pimay feierten. Die Erzieherin kam an einem Wochenende ins Schilfhaus und dachte, es habe sich eine Havarie ereignet. Der ganze Flur stand unter Wasser. Das Neujahrsfest feiern Laoten im April, indem sie sich mit sehr viel Wasser gegenseitig begießen. Mit weißen Bändern, die man anderen ums Handgelenk bindet, spricht man seine Wünsche für das neue Jahr aus. Die Feiertage unserer ausländischen Freunde begingen wir stets mit ihnen gemeinsam und sie wurden zu einer schönen Tradition. Auf diese Weise lernten alle Beschäftigten und Lehrlinge die unterschiedlichen Bräuche der Heimatländer unserer Ausländer kennen, wie auch das vietnamesische Tetfest. Im Juli 1987 kamen letztmalig 15 Vietnamesen im Alter von 17-26 Jahren und im Februar 1989 nochmals 10 junge Leute aus Laos zur Ausbildung nach Kunsterspring. Sie alle erlebten die politische Wende in der DDR mit.

Zuverlässige Planerfüllung

Der Plan der produktiven Lehrlingsleistungen der Betriebsschule war Bestandteil des
Betriebsplanes des StFB Neuruppin. Der Ausbildungsleiter musste darauf achten, dass bei allem Verständnis für die Planerfüllung, die Ausbildungsvorgaben eingehalten wurden.
Zur Begrünung des Berliner Nordens pflanzten die Lehrlinge in 7 000 Stunden verschiedene Gehölze auf den ehemaligen Rieselfeldern der Stadt. Das Neuererkollektiv der Betriebsschule fertigte ein Exponat für die „Messe der Meister von Morgen" an, das die Ausbildung und den Beruf des Facharbeiters für Forstwirtschaft dokumentierte. Auf der zentralen MMM in Leipzig wurde diese Berufsbildmappe vorgestellt und mit einer Ehrenurkunde des Zentralrats der FDJ gewürdigt.
Lehrlinge arbeiteten im Rahmen ihrer Ausbildung lehrgangsweise auf dem Holzausformungsplatz sowie in der Werkstatt in Alt Ruppin. Die Rückeausbildung wurde zunächst mit den Traktoren V 445 und MTS 52 mit Oberlichtenauer Rückewagen durchgeführt, später kam dafür der LKT 80. Moderne Sägen, wie die „Partner 7000" und die „Partner 5000" komplettierten den Technikbestand. Der Transport der Lehrlinge zur Arbeit erfolgte weiterhin mit dem W 50 mit Aufbau, hinzu kam ein LO (Luftgekühlter Ottomotor)-Bus. Das Mittagessen brachte der Kraftfahrer mit einem Trabant „Kübel". Da auch Waldarbeiterbrigaden versorgt wurden, fuhr er oftmals bis zu 11 verschiedene Stellen im Wald an.

Veranstaltungsplan - gab es für jeden das Passende?

Für die Gestaltung einer abwechslungsreichen Freizeit war es notwendig, dass das Heimaktiv monatlich zu einer Beratung zusammenkam.
Veranstaltungen wurden geplant und organisiert, Filme und Vorträge ausgewählt. Die Jugendlichen nutzten die verschiedensten Freizeitangebote ihren Interessen entsprechend.
Das waren die Arbeitsgemeinschaften:
– Jagdhornblasen
– Jagdzirkel
– Naturlehrpfad
– Foto
– Schach
– Kfz-Technik
– Künstlerisches Gestalten
– Chronik der Betriebsschule
– Kochen und Backen
– Schießen
oder individuelle Betätigungen:
– Volleyball
– Fußball
– Nutzung der Bücherei

Bei der Geburtstagsfeier des Monats gab es natürlich den selbstgebackenen Kuchen des Backzirkels. Einmal monatlich wurde ein Skat- und Rommturnier organisiert. Vierzehntägig kam das Kino in die Schule. Uraniavorträge zu verschiedensten Themen bereicherten das Angebot.
Für die monatlichen Discos fehlten leider immer Mädchen. So luden sich die Kunsterspringer Jungen aus einer anderen Ausbildungsstätte Mädchen ein. Zur Tradition gehörten auch Fußballturniere der Lehrlinge untereinander sowie gegen ihre Ausbilder und Betreuer. Als Preise winkten der Besuch von Kulturveranstaltungen, eine Torte oder ein Broileressen. Gemeinsame Faschingsfeiern erfreuten sich großer Beliebtheit.
Der Wettbewerb der Jagdhornbläser aller forstlichen Ausbildungsstätten der DDR fand 1987 anlässlich der 750-Jahrfeier in der Hauptstadt Berlin statt. Die Bläser der Betriebsschule belegten den 4. Platz.

Das Fest der Waldarbeiter auf dem Sportplatzin Kunsterspring (1989) Foto: Archiv WAS Kunsterspring
Das Fest der Waldarbeiter auf dem Sportplatzin Kunsterspring (1989)
Foto: Archiv WAS Kunsterspring


Alljährlich feierte man, entsprechend einer fast 15-jährigen Tradition, das Waldarbeiterfest des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Neuruppin in Kunsterspring. Das war für die Beschäftigten dieses Betriebes und Bürger des Kreises eine willkommene Abwechslung. Waldarbeiter zeigten ihr Können im Umgang mit der Motorsäge, Zapfenpflücker bestiegen Bäume. Hundeführer gaben Einblick in die Arbeit der Jagdgebrauchshunde und Falkner führten ihre Greifvögel vor. Das alleine war nicht der Grund, warum alljährlich einige hundert Menschen aus Neuruppin und Umgebung nach Kunsterspring kamen. Hier gab es außerdem Dinge zu kaufen, bei denen sonst eher Mangel bestand. Im Angebot waren Wildschwein am Spieß, Wildwurst und vom Kombinat Industrielle Mast Putenfleisch. Beliebt waren auch jagdliche und forstliche Geschenkartikel vom Spezialausstatter und Bekleidung vom Obertrikotagen-betrieb in Wittstock.
Kulturell umrahmt wurde dieses Ereignis von Jagdhornbläsern, Chören und später von Solisten oder Gruppen des Kreises, des Bezirkes und aus der Hauptstadt Berlin. 1990 fand dieses Fest letztmalig statt.

Veränderungen kündigten sich an

Die Wohnbedingungen verschlechterten sich, denn es lebten ständig 100, ja sogar 109 junge Leute im Internat. Nicht nur der Platzmangel, sondern auch die Bereitstellung von ausreichend warmem Wasser, die Versorgung und Betreuung an den Wochenenden und Feiertagen sowie das Waschen der persönlichen Wäsche für die ausländischen Jugendlichen stellten an die Mitarbeiter hohe Anforderungen. Dazu kam der häufige Wechsel der Beschäftigten im technischen Bereich. So gab es 2 Jahre lang keine Reinigungskraft und alle anfallenden Reinigungsarbeiten erledigten Lehrlinge und Kollegen.
Mit Lehrbeginn 1988 übernahm Karl-Heinz Litzke die Leitung der Schule. Dagmar Mix ging in den wohlverdienten Ruhestand. Sie hatte diese Ausbildungsstätte seit 1962 geleitet.
Im Dezember 1988 feierten die Beschäftigten der Betriebsschule mit den Bauarbeitern das Richtfest vom Heizhaus.
Dies ließ hoffen, dass nun neue Internate gebaut werden. Mehrmals war ihr Bau vorgesehen, aber das Geld wurde im Bezirk Potsdam für andere Objekte dringender benötigt. 1989 bereitete man endlich den Bauplatz für zwei neue Internate vor. Es verging dennoch viel Zeit, bis mit dem Bau begonnen wurde.
Politische Veränderungen kündigten sich an. Überall im Land war eine Atmosphäre der Erwartung, Unruhe und Unsicherheit auf das, was kommen würde. Seit einiger Zeit verließen viele Bürger die DDR und bei den so genannten Montagsdemos gingen die Menschen auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit der Regierung zu zeigen. Am Abend des 9. November 1989 öffnete sich endlich die Grenze, die die DDR seit mehr als 28 Jahren umgab.
Das war auch für die Lehrlinge der Betriebsschule Überraschung und Freude zugleich. Das Wochenende nutzten viele, um in den „Westen" zu fahren. Erhebliche Unsicherheiten machten sich bald darauf bemerkbar.
– Was wird aus dieser Schule?
– Können die Lehrlinge die Ausbildung fortsetzen?
– Was kommt danach?
Die Antworten darauf waren zunächst eher unverbindlich, aber es musste und durfte weitergehen mit Kunsterspring. Die Öffnung der grenze bedeutete auch, dass
die Ausbildung zukünftige neue Inhalte und Organisationsformen erhalten würde. Alles blieb zunächst relativ ungeklärt.

Aktualisiert ( Sonntag, den 15. Mai 2011 um 08:20 Uhr )  

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