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Die Sage von der Sabine

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Die Sage von der Sabine


Viele ältere Heimatfreunde wissen manches oft sogar vieles von Sa­bine zu erzählen. Die junge Generation weiß weniger von ihr und von ihren Begegnungen mit einem jungen Flöten­spieler aus Rheinsberg. Allseits be­kannt ist noch, dass Binenwalde am ruhigen Kalksee und der reizvolle Bi­nenbach, der sich auf dem Grunde der märkischen Hügel zum Tornowsee hinschlängelt, ihre Namen nach einem jun­gen Mädchen, namens Sabine, erhalten haben. Die sich erholenden Urlauber der Sommermonate, die im Halbdun­kel des Buchenwaldes verweilen, ver­bergen ihre Bewunderung über dieses schöne Stückchen märkischer Land­schaft nicht; sie kehren immer mit anderen an diesen romantischen Ort zurück, von dem sie oft mehr hören wol­len, als ihnen orts- und heimatkundige Leute erzählen können. Diesem nicht selten geäußerten Wunsch werden nun einige Chronik-Blätter der Heimatzei­tung nachkommen.
 

Der königliche Förster Ernst Ludewig Cusig war vor 250 Jahren von früh bis spät in seinem umfangreichen Revier nördlich vom Kalksee zur Er­füllung seiner beschwerlichen Pflich­ten unterwegs. Er hatte schon frühzei­tig seine Ehefrau verloren, so daß die kaum 16jährige Tochter Sabine die Hauswirtschaft im Forsthaus am Nord­ufer des Kalksees zu führen hatte. Sie verrichtete dazu noch die umfangrei­chen Hof- und Gartenarbeiten und tat alles zur vollsten Zufriedenheit ihres Vaters. Das hübsche Mädchen war mit geschickten Händen flink und frohen Mutes bei ihrer umfangreichen Tages­arbeit. Zum Feierabend, wenn der Va­ter noch nicht daheim war, fuhr sie vom Steg mit dem Kahn zum gegenüberliegenden Seeufer, von dem der Bi­nenbach den See verläßt. Dabei sang sie zumeist ein von der Mutter gehör­tes Liedchen, das schon 1609 Nürnber­ger Spielleute auf dem Jahrmarkt zu Rheinsberg gesungen hatten. Die Uferstelle am Abfluß des Binenbaches war ihr Lieblingsplätzchen geworden, von dem sie in den Abendhimmel schaute. Sie ging ein Stückchen am Bach entlang und sang ihr Liedchen weiter. Bei solch einem kurzen Spa­ziergang, als die Sonne jenseits vom See schon unterging, hörte Sabine ganz plötzlich leise Töne, die in ihren Gesang einstimmten. Das kam doch von einer Flöte, sagte sich das Mäd­chen; es ging einige Schritte, den Ge­sang unterbrechend, in Richtung des von ihm wahrgenommenen Spieles. Nach wenigen Schritten erspähte sie bald den auf ihrem Lieblingsplätzchen im Grase liegenden und nachdenklich auf den abendlichen See blickenden Flötenspieler. Da er das Mädchen  in Gedanken versunken nicht sah, trat Sabine fröhlich neben den erstaunten Musikanten und rief: "Ei, das war hübsch, herzlicher Spielmann, blast noch eins:" Der überraschte Fremde kam dann auch nach wiederholt vorgetragenen Bitten dem Wunsche nach und spielte noch einige Liedchen meister­haft dem jungen Mädchen vor. Da aber erscholl der Ruf über den See: „Sabine” — und „Bine, Bine” — gab das Echo zurück. „Nun muß ich leider zurück, mein Vater, der Förster drüben im Forsthaus, hat mich gerufen.” Rasch sprang das Mädchen auf, löste vom Ufer den Kahn und rief noch beim Wegrudern: „Habt Dank, Spielmann, und kommt bald wieder. Ich wohne drüben im Forsthaus. Wo wohnt ihr?" Der Wind verschluckte die letzten Worte. Die Abendzeit war ausgefüllt mit dem Geplauder der Försterstochter, die so viel von dem fremden Flöten­spieler zu berichten hatte. Der auf­merksame und nachdenkliche Vater hatte wohl dabei eingestehen müssen, wie weltabgeschieden die Tochter, die mit ihren bald 17 Jahren ein einziges Mal das nahe gelegene Rheinsberg be­suchte, leben mußte.  

Der Name Sabine findet nirgends ge­schichtlich-urkundliche Erwähnung. Es ist eine Sage, die in den feudalen und bürgerlichen Zeitabschnitten bis 1945, angeregt durch die idyllische Land­schaft des Geschehens, einen roman­tischen und idealisierten Inhalt erhielt. Beim Weitererzählen stößt man dann auch auf den historischen Kern der Sage, der durch die herausragenden Monarchen der Hohenzollern Fried­rich Wilhelm I. (Soldatenkönig) und Friedrich II. (Flötenspieler der Sage, später der alte Fritz genannt) gebildet wurde. Nun weiter in der Erzählung: An einem Abend der nächsten Tage kam es, so erzählt die Sage, zum zwei­ten Stelldichein zwischen dem Flöten­spieler und der Sabine. Groß war die Freude des Wiedersehens, bei dem Sa­bine den Flötenspieler mit vielen Fragen bestürmte: „Habt ihr ein prächtiges Pferd, ich sehe es nämlich dort am Kiefernstamm angebunden?" Darauf antwortete der Kronprinz: „Ja, es kommt vom Hofe des Königs in Rheinsberg.” Sabine fragte weiter: „Man sagt, der Vater ist sehr hart mit dem Kronprinzen, wißt ihr etwas davon?” Der Musikant antwortete nach­denklich: „Der König ist ein genialer Mensch und auch sehr tatkräftig, aber sehr jähzornig und heftig. Von Jugend auf besah er eine einzige Neigung, das Militär. Er ist nie milde im Urteil, mitunter jedoch sehr hart und selten ge­recht. Seine Leute nennen ihn den „Stockkönig“, weil er mit dem Stock mitleidslos dazwischenfährt. Das be­kam sein Sohn schon sehr oft zu spu­ren. Die Prinzessin Wilhelmine, seine Tochter, ward schon oft bei Wasser und Brot auf Befehl des Vaters eingesperrt, weil sie sich schützend vor den Bruder gestellt hatte, der viel Zeit für die Kunst haben wollte.” Dies alles redete der Musikant mehr zu sich selbst, als zu dem aufmerksa­men Mädchen, das still zugehört hatte. Nun erscholl der bekannte Ruf des Va­ters, so daß Sabine mit dem Verspre­chen eines baldigen Wiederkommens zum Kahn ging, um über den See zu ru­dern. Am folgenden Tage wollte Sabine nicht über den See ru­dern, weil sie etwas Scheu vor dem Flötenspieler bekommen hatte. Seine Erzählungen hatte das Mädchen kaum verstehen und begreifen können, aber dann entschloß sie sich doch anders. Nachdem sie den Kahn am Steg befestigt und den schon wartenden Musi­kanten freundlich begrüßt hatte, gin­gen sie gemeinsam plaudernd den schmalen Pfad am Binenbach entlang. Dabei ereiferten sie sich bei den Turnübungen, die zum überklettern der über den Bach gestürzten Bäume nötig waren. Bald weitete sich der Wald, und sie standen vor einer glitzernden Seefläche. „Das ist der Tornowsee und dort hinten liegt der Ruppiner See.” Sa­bine zeigte bei dieser Erklärung gegen Osten, was den Spielmann zu einer Korrektur veranlaßte: „Mehr im Sü­den liegt Ruppin am See. Ich kenne den Grafen, und der Kronprinz kommt öfter dorthin Früher wurde sogar am Hang des Sees märkischer Wein ge­zogen und an der kurfürstlichen Tafel getrunken. Heute wollen die Trauben der matten märkischen Sonne nicht rei­fen, der Hügel am See hat jedoch den Namen Weinberg noch erhalten." Die erstaunte Sabine rief: „Was ihr doch al­les wißt und welch hohe Herren ihr kennt.” Nun gingen sie gemeinsam zum Kalksee zurück, und Sabine bat den Spielmann, doch noch mehr vom Kronprinzen und von seinem gefürch­teten Vater zu erzählen, worauf er dann auch der Bitte nachkam: „Ich will etwas vom traurigen Schicksal sei­nes Jugendfreundes Hans Hermann von Katte erzählen”, leitete der Flöten­spieler seine Erzählung ein. „Sein Va­ter wollte seinen begabten. und kunst­sinnigen Sohn Hans Hermann studie­ren lassen; er sollte danach eine Be­rufslaufbahn im Gerichtsfach einschla­gen. Da jedoch darin für ihn kein er­wartetes Fortkommen zu erkennen war, ging er als Kapitänleutnant zur Gendarmerie.

Der Kronprinz lernte den geistvollen und intelligenten Offi­zier kennen und gewann ihn wegen der genannten und anderer Vorzüge zum Freunde. An einem Hof, wie eben der preußische, hat nur der Soldat Gel­tung und sein Wert wird nur mit der Eile gemessen, des Königs Leibregi­ment, die langen Kerle sind ja überall bekannt. An solch einem Hof brauchte nun der Kronprinz einen Freund sei­nesgleichen, der seelisch und geistig mit ihm fühlen konnte. So ein Mensch war nun der Freund des Kronprinzen von Katte." Der Flötenspieler erzählte weiter: „Katte begriff, wie der Kronprinz un­ter dem Zwang und der menschun­würdigen Behandlung durch seinen Va­ter zu leiden hatte. Geheim schmiede­ten sie einen gemeinsamen Plan zur Flucht. Der Kronprinz fuhr verkleidet nach Leipzig, von dort wollten sie nach dem Zusammentreffen gemein­sam 1730 nach England entfliehen, Der Plan mißlang durch einen Verrat. Der Kronprinz und von Katte wurden auf die Festung Küstrin gebracht. Dort schmachteten sie beide einige Monate in Einzelhaft, und der König verur­teilte seinen Freund zum Tode. Der Kronprinz mußte der Hinrichtung beiwohnen. Ungebrochen winkte Katte dem Prinzen ein Lebewohl zu und be­stieg mutig das Schafott.” Nach der Rückkehr der Tochter ins Forsthaus verliefen die we­nigen Abendstunden für sie und den Vater sehr ruhig. Der Förster stellte nur wenige Fragen, die Sabine sehr höflich, aber einsilbig, beantwortete. Die für sie unverständlichen Erzäh­lungen des Flötenspielers ließen im­mer mehr Fragen aufkommen, die Sa­bine umkreisten und für die sie kaum plausible Antworten fand.

Das nächste Zusammentreffen am darauf folgenden Abend konnte das Mädchen mit dem schon geheimnisvoll unbekannten Mu­sikanten nur mit Ungeduld erwarten, weil es wenigstens einige Aufschlüsse erhalten wollte. Schon am Seeufer bestürmte Sabine den Flötenspieler mit der sie beson­ders quälenden Frage: „Konnte der Kronprinz seinem Freund Katte nicht helfen?” Der Musikant, verneinte dies umgehend und verbarg die bei ihm aufkommende Bitterkeit nicht. „Möge die Schreckenszeit des Kronprinzen nun ein Ende haben", sagte Sabine darauf. Kurz war die sich anschließende unmutsvolle Unterhaltung, weil ein aufziehendes Abendgewitter drohte und die Försterstochter zur eiligen Rückkehr über den Kalksee mahnte. "Bis morgen, kleine Sabine", rief der Spielmann. „Ja, dann morgen”, rief ihm das wegrudernde Mädchen noch zu. Ich weiß gar nicht euren Namen, wie nennt ihr euch?" „Ich heiß Fritz.” „Fritz, und wie weiter?” „Weiter nichts, ich nenne dich Sabine, und: du nennst mich Fritz”, rief der Spielmann. „Nun gut, mich nennt man auch nur Sa­bine, also morgen sehen wir uns wieder.” So trafen sie fast an jedem Abend zusammen, und es entstand durch die gemeinsam verlebten Stun­den ein vertrautes Freundschaftsver­hältnis, das so, wünschten sie es beide, nie zu Ende gehen möge. Eines Abends kam jedoch der Flöten­spieler nicht zum Stelldichein, und an den nächsten Tagen blieb er auch fern. Sehr oft war Sabine schon vergeblich über den See gerudert, hielt dann Ausschau an der See-Ecke. Der Flötenspie­ler war nicht mehr zu sehen, er kam überhaupt nicht mehr. Der Herbst war bereits ins Land gezogen, und der Win­ter folgte ihm bald. Der Vater blickte oft teilnahmsvoll aus dem Fenster, in der Hoffnung, den FIötenspieler doch einmal zu entdecken. Seine Hoffnun­gen trafen nicht ein. Im Frühjahr war Sabine 18 Jahre alt geworden; der Vater wollte ihr durch eine frohe Nachricht eine besondere Freude bereiten. So machte er sich ei­nige Tage davor auf den Weg nach Rheinsberg, wo er sich nach dem Flötenspieler erkundigen wollte. Ihm wurde dort erzählt, daß der kronprinz­liche Hof das Schloß verlassen hätte und nicht wiedergekommen sei. Man erklärte ihm auf die Frage nach dem Grafen von Ruppin, in dessen Gunst der Flötenspieler stand, daß der Kron­prinz der Graf sei und zum vergange­nen Jahr seine Residenz in Rheinsberg hatte und oft als Chef seines Regimen­tes in Ruppin weilte. Nun werde er bald König von Preußen sein und wie sein Vater im Lande. herrschen. Diese Nachricht mußte der Förster seiner be­trübten Tochter überbringen. In vielen Sagen und Legenden wurde über Sabines Freundschaft zum Kronprinzen und späteren Friedrich II. erzählt und geschrieben, z. B. in „Die schöne Sabine in Sage, Dichtung und Geschichte” von W. Bartelt, 1932, Neu­ruppin. Die drei Chronik-Blätter stüt­zen sich auf einige Inhalte der im Jahre 1913 aufgezeichneten Sage "Sa­bine" von M. Ludolfs. Geschichtlich be­weisbar sind Erlebnisse des jungen Kronprinzen (seit 1740 preußischer Kö­nig Friedrich II.), der in einem Brief an seine Schwester Wilhelmine über sein Verhältnis zu seinem despotischen Vater u.a. folgendes schrieb: „Täglich bekomme ich Schläge, werde behan­delt wie ein Sklave und habe nicht die mindeste Erholung. Man verbietet mir das Lesen, die Musik, die Wissenschaf­ten... bin ständig in Lebensgefahr.” Geschichtlich und belegbar sind auch die Begebenheiten in Küstrin, die Freundschaft und Erlebnisse mit Katte und — wie allgemein bekannt ist — die verlebten Jahre des Kronprinzen in Rheinsberg und Ruppin.

Urkundlich kann auch bestätigt werden, daß eine Begegnung des Königs mit Vater Cusig und seiner Tochter nicht mehr statt-fand. Der Förster Cusig erhielt im Jahre 1754 Garten- und Ackerland, das er mit der Tochter bewirtschaftete. Der Sage nach sollte ihm der König das Land als Dank und Erinnerung für die mit der Sabine gemeinsam verleb­ten Stunden am Binenbach und am Kalksee geschenkt haben. In Wahrheit erhielt der Förster Grund und Boden infolge der von Friedrich II. durchge­führten Binnenkolonisation; damals wurden aus wüsten Ländereien viele Kolonien in Brandenburg-Preußen ge­gründet. Eine davon entstand am Kalksee, sie wurde nach Sabine Bi­nenwalde genannt. Der oft genannte Bach erhielt den Namen Binenbach. Die Binnenkolonisation und die Kulti­vierung umfangreicher Ländereien, so die Entwässerung des Oder-Warthe-Bruches, des Havel-Rhin-Luches unse­rer Heimatgegend wurden als beson­ders hervorragende Leistungen der Ho­henzollern Friedrich Wilhelm I. und Friedrich IL herausgestellt. Fried­rich II. führte in seiner langen Regie­rungszeit viele Kriege. Seine Erobe­rungsfeldzüge verschlangen Unsum­men. Er brauchte also immer mehr Geld, das nur durch harte. Arbeit sei­ner Untertanen zu beschaffen war. Dazu schrieb Ingrid Mittenzwei in ih­rer Biographie „Friedrich II. von Preu­ßen”: „Friedrich II. brauchte zur Ver­wirklichung dieses Projektes Men­schen, und das in doppelter Hinsicht: als Arbeiter, die die umfangreichen Meliorationen durchführten, und als Siedler, die das neu gewonnene Land bearbeiteten.” Die Leistungen Fried­rich 11. beruhten also auf der Arbeit seiner Untertanen.

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 30. Dezember 2009 um 12:19 Uhr )  

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